„Das ist doch keine Arbeit.“

Ich lese immer wieder unter BeitrĂ€gen von selbstĂ€ndigen Youtubern, Bloggern oder Influencern, dass das was die machen keine Arbeit sei, dass die fĂŒr’s rumsitzen bezahlt wĂŒrden und gar keinen Urlaub verdient hĂ€tten. Ich find das immer irgendwie schade, weil es kann einfach niemand beurteilen, was und wie viel „hinter den Kulissen“ passiert – wir sehen nur das Resultat, also ein Instagramfoto, einen Blogpost oder ein 10-minĂŒtiges Video. Wir sehen nicht die Konzeption, die dahinter steckt, die stundenlange Post-Produktion, das Marketing, den Papierkram,  und die Sorgen und Pflichten, die als SelbststĂ€ndiger auf einen zukommen. Viele Influencer machen nebenbei auch noch andere Dinge, die aber nicht so sehr in der Öffentlichkeit ankommen, wie z.B. Unternehmensberatung, VortrĂ€ge, Produkterstellung, BĂŒcher oder Ähnliches. Mir geht es aber in diesem Blogpost nicht speziell darum, das Influencerdasein als Beruf zu rechtfertigen oder zu verteidigen – vielmehr frag ich mich, woher sich Menschen das Recht nehmen, darĂŒber zu urteilen, was „richtige“ Arbeit ist und was nicht.

Sie sehen immer nur die positiven Seiten…

„Das ist doch keine richtige Arbeit“ ist eine Anschuldigung, die nicht nur Leuten in der Onlinebranche an den Kopf geworfen  wird. Genau so ist es bei Fotografen, die doch „nur ein paar Fotos schießen“, Musicaldarstellern die von dem „bisschen Singen und Tanzen“ leben und SĂ€ngern, die „lieber mal was Richtiges lernen sollten.“ Eine andere Berufsgruppe, bei der ich auch hĂ€ufig mitbekomme, dass sie belĂ€chelt und deren Arbeit unterschĂ€tzt wird, sind Lehrer. Auf den ersten Blick sieht dieser Job nach wenigen Unterrichtsstunden, vielen Urlaubstagen und einer guten Bezahlung aus. Niemand sieht die NĂ€chte die durchgemacht werden fĂŒr die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts oder die Korrektur von Klausuren, die ElterngesprĂ€che, die Lehrerkonferenzen, die Verantwortung auf Klassenfahrten und die ProblemfĂ€lle, ĂŒber die man auch noch nach Feierabend weiter nachdenkt.

Kann denen ja egal sein, was andere denken…

Ich kann mir vorstellen, dass solche abwertenden Kommentare einen schon treffen – egal in welcher Berufsgruppe – man steckt viel Energie, Zeit und Nerven in etwas, was dann als „keine wirkliche Arbeit“ abgetan wird. NatĂŒrlich weiß man selbst, wie viel man arbeitet und was man alles leisten musste um ĂŒberhaupt in diesem Beruf arbeiten zu können – aber wenn man immer wieder gesagt bekommt, dass andere Berufe viel anstrengender und anspruchsvoller sind und man selbst total ĂŒberbezahlt ist, bekommt man dann nicht irgendwann das GefĂŒhl, dass das, was man tut, nicht gut genug ist? Bekommt man nicht vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen, denen gegenĂŒber, die „hĂ€rter“ arbeiten mĂŒssen?

Arbeit darf keinen Spaß machen…

Was ist ĂŒberhaupt ein richtiger Job? Wer definiert das? Ich glaube, viele haben im Kopf, dass Arbeit keinen Spaß machen darf, dass das etwas ist, wozu man „gezwungen“ ist. Wenn man von zuhause arbeitet, wird das immer gleich so angesehen, als wĂŒrde man den ganzen Tag nichts machen. Wenn man beruflich viel im Ausland ist, wird einem vorgeworfen stĂ€ndig Urlaub zu machen.

Was ich mich frage, ist, wieso haben Menschen ĂŒberhaupt das BedĂŒrfnis, anderen mitzuteilen, was sie nicht gut finden, bzw. was sie fĂŒr Arbeit halten und was nicht – so ein Kommentar bringt ja im Endeffekt niemandem etwas. Ich glaube, hinter solchen Bemerkungen steckt immer auf eine Weise Neid oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Wenn man selber seine Arbeit als etwas Negatives betrachtet und dann Menschen sieht, die das was sie tun lieben und Spaß dabei haben, ist es nachvollziehbar, dass man denkt, dass das was die machen gar keine richtige Arbeit ist.

Allerdings rechtfertigt das noch lange nicht, dass man diesen Menschen das vorwirft. Weder die Influencer, noch die Lehrer sind schuld daran, dass man unzufrieden in seinem Job ist. Die sind nicht Schuld an den vielen Arbeitsstunden, den wenigen Urlaubstagen und dem niedrigen Lohn, den man bekommt.

Heutzutage hat man so viele Möglichkeiten – theoretisch könnte jeder, der Zugang zum Internet hat, Influencer werden. Aber es ist natĂŒrlich immer einfacher andere zu kritisieren, als was an seiner eigenen Situation zu Ă€ndern. (Es gibt natĂŒrlich auch AusnahmefĂ€lle wo Menschen aufgrund des Umfeldes, in dem sie aufgewachsen sind, SchicksalsschlĂ€gen oder sonstigem nicht mehr alle TĂŒren offen stehen – das ist mir bewusst – aber ich glaub nicht, dass es nur diese Menschen sind, die solche Kommentare abgeben.)

Das ist doch alles nicht fair…

NatĂŒrlich ist es nicht fair, dass das VerhĂ€ltnis zwischen Verdienstmöglichkeiten und Arbeitsaufwand von Branche zu Branche so unterschiedlich ist. NatĂŒrlich ist es nicht fair, dass viele Leute in Deutschland ihr Leben lang mehrere Jobs parallel ausfĂŒhren mĂŒssen um halbwegs ĂŒber die Runden zu kommen wĂ€hrend eine Bibisbeautypalace nach 6 Jahren Youtube im Geld schwimmt. Aber das ist ein ganz anderes Problem.

Diese NegativitĂ€t bringt dich nicht weiter…

Man kann Dinge unfair finden, man kann bestimmte Berufe nicht nachvollziehen können – das gibt einem aber nicht das Recht die Arbeit anderer abzuwerten oder zu belĂ€cheln. In diesem Fall sollte man sich einfach an die Regel „wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag gar nichts“ halte. Solche Kommentare lösen keine Probleme und bringen niemanden weiter. Kann ja eigentlich jedem egal sein, ob der Influencer morgens bis 10 ausschlĂ€ft und der Lehrer die ganzen Ferien nur chillt – dadurch wird deine Arbeit ja nicht hĂ€rter… und auch nicht weniger hart, dadurch dass du diesen Menschen VorwĂŒrfe machst. Generell glaube ich, dass es total ungesund,  sich immer auf das Negative zu fokussieren.

Vielmehr sollte man sich auf das eigene Leben konzentrieren und seine Energie investieren, um das so schön wie möglich zu gestalten. Wenn man nĂ€mlich in seiner Haut, in seinem Job und in seinem Leben zufrieden ist, hat man gar nicht mehr das BedĂŒrfnis andere runterzumachen.

Außerdem sollte man sich angewöhnen, seine eigenen Gedanken mehr zu hinterfragen. Wenn man sich dabei ertappt, wie man denkt, dass ein anderer Job „soooo viel leichter“ ist, als der eigene, sollte man anfangen hinter die Fassade zu schauen. Man muss sich immer bewusst sein, dass der hinter den meisten Jobs viel mehr Aufwand steckt, als man von außen sieht.

Es gibt einfach verschiedene Arten von Jobs – einige sind körperlich anstrengend, andere geistlich. Es gibt bestimmt auch welche, die in keiner Hinsicht anstrengend sind aber auch dann sollte man gönnen können anstatt zu kritisieren.

Ich hab aber auch leicht reden als Medienstudentin, Hobbybloggerin und Nebenjobberin in der Social-Media-Branche, ich hatte selbst wahrscheinlich noch nie Kontakt zu „richtiger Arbeit“. 😉


Wie steht ihr zu dem Thema? Was ist „richtige Arbeit“? Hat nicht jeder Job eine Daseinsberechtigung? Sollte man nicht mehr gönnen und weniger kritisieren?

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2 Gedanken zu “„Das ist doch keine Arbeit.“

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