Ist ein Auslandssemester etwas für mich?

Ich befinde mich jetzt im 2. von 3 Jahren meines Bachelorstudiums. Eine Zeit, in der ich und meine Kommilitonen uns viel mit den Themen Praktikum und Auslandssemester auseinandersetzen. Wir haben die Möglichkeit, im Rahmen des Erasmus-Programmes ein Semester unseres Studiums an einer ausländischen Partneruni zu absolvieren. Darüber hinaus können wir auch unser 6-monatiges Praktikum in einem Land unserer Wahl machen. Ich habe mich gegen beide Optionen, und für mindestens 2 weitere Jahre in Köln entschieden. Da ich mir vorstellen kann, dass dies eine Frage ist, mit der sich zurzeit viele von euch beschäftigen, dachte ich, ich teile mal meine Gedanken dazu. Ich habe mir 4 Fragen gestellt und für mich beantwortet – vielleicht fällt euch die Entscheidung ja leichter, wenn ich überlegt, was ihr darauf antworten würdet…


1. Möchte ich einfach mal die Erfahrung gemacht haben, im Ausland gelebt zu haben? Hätte ich gerne einen Neuanfang in einem anderen Land – weg von dem gewohnten, anonym und auf mich allein gestellt?

Zuerst muss man sagen, dass ich zurzeit quasi ein Auslandsstudium mache. Ich komme ursprünglich aus Luxemburg und auch wenn es Leute gibt, die denken, dass das eine Stadt in Belgien oder ein Bundesland von Deutschland ist, ist das ein eigenes Land. Köln ist für mich somit „Ausland“. Das Argument, ein Auslandssemester zu machen, um einfach mal im Ausland gewesen zu sein, ist in meinem Fall also irrelevant. Weg von der Familie, in eine Stadt wo man niemanden kennt, andere Sprache und einfach ein kompletter Neuanfang habe ich schon hinter mir. Eine Erfahrung, für die ich echt dankbar bin und die mir total gutgetan hat – würde ich prinzipiell auch jedem weiterempfehlen, der da Lust drauf hat. Ein Auslandsstudium ist aber was anderes als ein Auslandssemester – hauptsächlich die Dauer führt dazu, dass das erste total was für mich ist und das zweite wiederum gar nicht.

2. Bin ich ein Mensch der sich überall schnell wohl & zuhause fühlt, oder bin ich lieber langfristig an einem Ort?

Ich bin ein Mensch, der dieses Gefühl braucht, da wo er wohnt zuhause zu sein. Köln war für mich eine Stadt, in der ich dieses Gefühl bereits hatte, als ich noch zuhause gewohnt habe und nur für ein Wochenende hier war. Ich denke aber nicht dass jede Stadt, egal wie schön sie ist, für mich dieses Zuhausefeeling haben kann. Auch wenn es meine absolute Traum-Wohn-Stadt ist, hat es, jetzt im Nachhinein betrachtet, selbst in Köln schon eine Weile gedauert, bis ich zu 100% angekommen war. Es dauert einfach, bis sich eine Wohnung komplett nach MEINER Wohnung anfühlt und bis aus bekannten richtige Freunde werden. Von 6 Monaten Auslandssemester würde ich wahrscheinlich erst mal die ersten 3 damit verbringen, mich einzuleben. Dann hätte ich 3 Monate, die ich  theoretisch so richtig genießen könnte, was ich aber nicht tun würde, weil ich schon wieder im Hinterkopf hätte, dass es schon bald vorbei ist. Ich möchte an einem Ort entweder für ein paar Tage Urlaub machen, oder längerfristig dort wohnen – alles dazwischen ist einfach nicht mein Ding…

3. Kann es eigentlich besser werden, als es hier gerade ist?

… auch, weil ich das Gefühl habe, dass es eigentlich nur schlechter werden könnte. Mein Kurs ist der beste, meine Dozenten sind sympathisch, ich gehe total gerne zur uni, hab tolle Freunde und ich liiiiiiebe meine Wohnung. Ich genieße die Zeit hier so sehr, dass ich nicht das Risiko eingehen möchte, ein Semester davon für etwas, was mich möglicherweise weniger happy macht, zu opfern. Wenn man in seinem normalen Unialltag allerdings nicht wirklich glücklich ist, oder man das Gefühl hat, dass es definitiv noch besser werden kann, kann ich mir vorstellen, dass ein Auslandssemester eine gute Möglichkeit ist, dem zu entfliehen.

4. Welche Gefühle löst die Vorstellung von einem Auslandssemester in mir hervor? Denke ich darüber nach ins Ausland zu gehen, weil das ein Traum von mir ist oder weil das von gefühlt jedem andern ein Traum ist?

Aber ich bin da wahrscheinlich einfach nicht so der Typ für. Nichts an dem Gedanken, alles hier für 6 Monate zurückzulassen und in irgendeinem anderen Land quasi von vorne anzufangen reizt mich auf irgendeine Weise – was wahrscheinlich schon der beste Grund ist, es nicht zu tun. Ich hab momentan das Gefühl viele wollen ins Ausland, weil jeder ins Ausland will. Fernweh ist mittlerweile zum Trend geworden und jeder will weg, egal wohin, egal weshalb, hauptsache weg.


Ich will auf gar keinen Fall Auslandssemester schlecht reden. Im Gegenteil, es ist super, dass es diese Möglichkeit gibt und ich find’s cool, wenn Leute diese Chance nutzen möchten. Ich will gar nicht verneinen, dass ein Auslandssemester eine tolle Erfahrung sein kann – 6 Monate in denen man viel lernt, auch über sich selbst, in denen man neue Leute und eine neue Kultur kennenlernt, Spaß hat und an denen man wächst.  Mir geht’s aber darum, zu sagen, dass es auch okay ist, keinen Bock auf Ausland zu haben. Man sollte sich nicht dazu gezwungen nur, weil’s cool ist und gefühlt jeder das möchte. Es ist einfach nicht jeder der Typ dafür, für eine begrenzte Zeit irgendwo zu sein. Jeder sollte sich die Frage „Möchte ich ein Auslandssemester machen?“ stellen – aber die Antwort „nein“ ist genau so richtig wie „ja“! 🙂

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