Wie politisch dürfen Youtuber werden?

Als ich am vergangenen Sonntag das Video „die Zerstörung der CDU“ in meiner Abobox gesehen habe, habe ich mir nicht viel dabei gedacht. Ich mag Rezos Content deshalb wusste ich, dass es cool sein würde, doch nie hätte ich geahnt was da alles drin steckt und vor allem, was für Wellen es im Internet, aber auch in klassischen Medien und insgesamt in der Gesellschaft schlagen würde. Ich maße es mir gar nicht an, hier über die von ihm genannten Fakten über die Unionsparteien zu debattieren – dafür habe ich einfach nicht genug Ahnung. Fast genauso interessant wie den Inhalt finde ich allerdings die Debatte um die Art und Weise, wie er die Informationen aufbereitet hat und die redaktionellen Fähigkeiten und die Rechte eines Youtubers.

Wir brauchen sowohl Journalisten als auch „Influencer“

„Solche Themen sollte man echten Journalisten überlassen“, wurde auf Twitter aus allen Ecken gerufen. Offenbar nicht, denn höchstwahrscheinlich wurde jeder der von Rezo genannten Fakten in den vergangenen Jahren auch in klassischen Medien behandelt – allerdings so, dass es scheinbar nicht bei den Leuten angekommen ist. Keiner dieser Artikel wurde über 8 Millionen Mal gelesen, geschweige denn hat eine solche gesellschaftliche Diskussion hervorgerufen wie das Video des Youtubers. Mir geht es sicherlich nicht darum, den Journalismus zu diskreditieren – das ist, wie ich finde, nach wie vor einer der gesellschaftlich relevantesten Berufe. Allerdings möchte ich die Daseinsberechtigung von Influencern in der öffentlichen politischen Diskussion unterstreichen. Rezo hat in diesem Video einen Überblick verschafft und vor allem so erklärt, dass jeder es versteht. Er hat einfach, besonders bei jungen Leuten, einen Nerv getroffen.

Ich verstehe es, wenn kritisiert wird, dass er in diesem Video teilweise Fakten, Meinung und Emotionen vermischt. Hätte er das allerdings nicht getan, hätte das Video nicht diese Auswirkungen gehabt. Außerdem ist er nach wie vor „nur“ Youtuber und kein Journalist – er ist nicht der neutralen Berichterstattung verpflichtet, sondern sieht es als seine Aufgabe eine Message zu verbreiten. Wenn man das Video als das sieht, was es ist – gut recherchierte Fakten, die mit Quellen gekennzeichnet sind kombiniert mit seiner daraus resultierenden Meinung – kann man seine Bemühungen nur wertschätzen und froh sein, dass es solche Leute gibt, die besonders den jüngeren Generationen Politik versuchen näher zu bringen.

Konkrete politische Stellungnahme

Am Freitag hat Rezo dann ein zweites Video zu dem Thema hochgeladen – ein offener Brief von über 80 Youtubern, die dazu aufrufen, weder die Union noch die SPD und schon gar nicht die AFD zu wählen. Anfangs hat es mich bei einigen schon sehr gewundert, dass sie eine solch konkrete politische Meinung öffentlich vertreten – normalerweise gehen Influencer eher selten darauf ein, welche Parteien sie wählen, oder in diesem Fall nicht wählen. Doch irgendwie hab ich mich dann auch gefragt, wieso das eigentlich in Sozialen Medien quasi ein Tabu ist, politische Stellung zu beziehen. Zu jeglichen Themen wird die persönliche Meinung geteilt, wieso dann nicht auch zu Politik?! Natürlich werden die Zuschauer auf eine Weise davon beeinflusst, allerdings werden sie das eh von den verschiedensten Seiten – von Eltern, Großeltern, Lehrern usw. Ich glaube, wenn man beispielsweise in einer Familie aufwächst, in der jeder die CDU wählt, ist man vielleicht dazu verleitet, das Selbe zu tun. Dann ist es doch auch mal ganz gut, andere Meinungen zu hören. Jeder, der wählen geht, sollte, meiner Meinung nach dazu in der Lage sein, sich zu informieren, sich verschiedene Meinungen anzuhören und daraus seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Zeitungen sind an den Pressekodex gebunden, der vorgibt, in der politischen Debatte auch andere Ansichten als die eigenen darzustellen. Fernsehen und Radio sind an den Rundfunkstaatsvertrag gebunden, der eine politische Positionierung, besonders im Wahlkampf, ausdrücklich verbietet. Bei Bloggern gibt es allerdings kaum Regulierungen und die Meinungsfreiheit endet dort erst bei der Volksverhetzung. Youtuber stehen wahrscheinlich irgendwo zwischen Rundfunk und klassischen Blogs – die rechtliche Lage ist also, soweit ich das recherchieren konnte, gewissermaßen unklar. Insbesondere dadurch, dass es bei Rezos Videos nicht um politische Werbung handelt, sondern er aus einer intrinsischen Motivation heraus handelt, gehe ich davon aus, dass diese Form der Meinungsäußerung keine rechtlichen Konsequenzen haben wird. Schlussendlich ist es, in meinen Augen die Medienvielfalt in Deutschland, die solche konkreten politischen Stellungnahmen von Influencern legitimiert. Auf das Video sind unzählige Reaktionen von Journalisten und Politikern gefolgt, sodass im Endeffekt Rezos Meinung nicht alleinstehend ist und die Thematik von verschiedensten Seiten beleuchtet wird.

Ich persönlich finde, Influencer sollten nicht aufhören, politische Meinungen zu vertreten, sondern man sollte daran arbeiten, dass die Zuschauer die nötige Medienkompetenz haben, sich aus verschiedenen Quellen zu informieren, zwischen Fakten und Meinung zu unterscheiden und absichtliche Manipulation zu erkennen.



Was ist eure Meinung zu Rezos Video oder allgemein zu politischen Debatten auf Youtube?

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