Ist introvertiert sein eine Schwäche?

In jeder Stellenanzeige liest man, das offene, teamfähige, kontaktfreudige Mitarbeiter gesucht werden – Eigenschaften, mit denen man sich als introvertierter Mensch nicht unbedingt angesprochen fühlt. Extrovertierte Menschen werden als das Optimum dargestellt. Von der Gesellschaft wird erwartet, dass man sich gerne unter Leuten aufhält, gut Smalltalk führen kann, auf neue Leute zugeht und man immer etwas hat, was man mitteilen möchte. So bekommt man vielleicht das gefühl, introvertiert zu sein, wäre „falsch“. Aber das ist es nicht. Menschen sind nunmal nicht alle gleich und die Unterteilung in „introvertiert“ und „extrovertiert“ mit ihren dazugehörigen positiv oder negativ konnotierten Wertungen ist nichts als ein Gesellschaftliches konstrukt. Es ist okay introvertiert zu sein, es ist okay extrovertiert zu sein und genauso ist es okay, sich zu keinem von beidem zuzuordnen.

Jeder hat „Stärken“ und „Schwächen“ –  welche immer nur auf subjektivem Empfinden basieren – und zu einem gesunden Selbstbewusstsein gehört meiner Meinung nach, diese zu identifizieren und zu akzeptieren. Ich denke, man kann sich nur schwer grundlegend verändern und sehe darin auch nicht wirklich Sinn. Wäre die Welt wirklich besser wenn jeder sich ständig laut mitteilen würde, das Bedürfnis hätte unter Leute zu gehen usw? Nein, denn sie braucht auch Zuhörer, Einzelkämpfer und Beobachter. Wobei ich mir bewusst bin, dass dieser Gedanke sehr stereotypisch ist und natürlich nicht jeder extrovertierte Mensch ständig rumschreit und jeder Introvertierte ein guter Zuhörer ist. Da bin ich das beste Beispiel für, denn genauso gut, wie ich ruhig daneben sitzen kann, kann ich auch pausenlos in unangemessen hoher Lautstärke reden.

Trotz aller Selflove und Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit, habe ich in den vergangenen Jahren auch gelernt, dass „ich bin halt so“ nicht immer der zielführende Gedanke ist. Es gibt Situationen, da lohnt es sich, zu versuchen die eigene Introvertiertheit für kurze Zeit zu überwinden und aus seiner Comfortzone herauszutreten. Wie gesagt, es ist nichts falsch daran so zu sein, aber wenn diese Charaktereigenschaft seiner persönlichen Verwirklichung im Weg steht, spricht nichts dagegen, dass man versucht etwas daran zu ändern – das hat nichts damit zu tun, dass man sich selber nicht akzeptiert so wie man ist, sondern dass man sich selbst so wichtig ist, dass man bereit ist Kompromisse einzugehen.

Ich bin der Meinung, dass ein introvertierter Mensch manche Eigenschaften immer irgendwie in sich tragen wird, aber dass man daran arbeiten kann, dass genau das zu einer Stärke wird. Dadurch dass man immer wieder über seinen Schatten kann man die Aspekte die einem im Alltag im Weg stehen mit der Zeit beiseite schaffen. So habe ich mittlerweile kein Problem damit, fremde Leute nach dem Weg zu fragen, Straßeninterviews zu führen oder vor einer Kamera zu stehen und auch meine Telefonphobie ist wesentlich besser geworden – alles Dinge, wo die 13-Jährige Romy sich hätte seeehr stark überwinden müssen. Ein bisschen socially awkward werde ich wahrscheinlich immer bleiben, aber es wird besser. Auf meiner Abi-Feier habe ich vor 500 Leuten eine Rede gehalten und hatte dabei richtig Spaß und das war dann so der Punkt, wo ich realisiert habe, dass meine Introvertiertheit einen Grad erreicht hat, wo sie mir nicht im Weg steht und ich nur noch die Stärken darin sehe. Wie man Smalltalk führt weiß ich immer noch nicht so richtig, aber mittlerweile fällt es mir schon etwas leichter, Themen zu finden über die ich mit Leuten reden kann. Ich bin aber nach wie vor großer Fan davon, nichts zu sagen, wenn ich nichts zu sagen habe. Es gibt genug Leute die reden, um zu reden – und auch das ist absolut okay.

 

 

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