über unendliches Wachstum, eingeschränkte Grundrechte & Selbstreflektion | 3 Fragen, die ich mir zu Zeiten von Corona stelle

Corona kam und plötzlich hatten wir mehr Zeit. Mehr Zeit, um Klopapier zu horten, mehr Zeit um Auszumisten, mehr Zeit um Yoga zu machen und mehr Zeit, um Bananenbrot zu backen. Aber auch mehr Zeit, um nachzudenken. Dabei sind mir vor allem folgende drei Fragen im Kopf herumgeschwirrt …


1. Wieso ist uns unsere Freiheit gerade so egal?

Zum einen finde ich es beeindruckend, wie schnell die Maßnahmen umgesetzt wurden und wie diszipliniert und konsequent unsere Gesellschaft gerade zusammenhält.  Zum anderen finde ich es aber auch erstaunlich, wie wenig diese Einschränkungen hinterfragt werden. Das sage ich erstmal ganz wertfrei – weil ich eben nicht weiß, ob wir unsere Grundrechte gerade bewusst aus Solidarität zurückstecken, oder ob wir aus Angst handeln, ohne uns darüber im Klaren zu sein, welchen Preis gerade jeder einzelne von uns für das gemeinsame Ziel – das Gesundheitssystem nicht zu überlasten – zahlt.

Uns wurde so vieles genommen, was uns wichtig sein sollte: das Recht, uns draußen frei zu Bewegen, das Recht in die Schule zu gehen, das Versammlungsrecht u.v.m. Als wäre das nicht genug, betteln wir nach einer kompletten Ausgangssperre und Handytracking. Ja, ich auch. Ich glaube, wir möchten alle gerade einfach nur schnellstmöglich unser altes Leben zurück – koste es, was es wolle. Versteht mich nicht falsch, ich finde es super, dass wir gerade alle an einem Strang ziehen und so viel vertrauen in Experten und Politik haben – das ist auch im Endeffekt die einzige Möglichkeit, wie wir diese Pandemie überwinden können.

Und trotzdem sehe ich in diesem blinden Vertrauen eine Gefahr. Wir können nicht ewig zu allem ja und amen, nur weil wir Angst vor Covid-19 haben. Irgendwann ist ein meiner Meinung nach ein Punkt erreicht, an dem die Opfer die wir gerade bringen, nicht mehr in Relation zu den positiven Auswirkungen stehen.

Hierbei beziehe ich mich nicht mal unbedingt auf Luxemburg und Deutschland – wir haben hier das Glück, eine starke Wirtschaft und eine funktionierende Demokratie zu haben. Wenn ich aber sehe, dass ein Victor Orban in Ungarn – einem EU-Land – ein Notstandsgesetz verabschiedet, welches ihm auf unbegrenzte Zeit (!) die alleinige Entscheidungsfreiheit gibt, läuft’s mir kalt den Rücken runter. Das kann ganz schnell in eine falsche Richtung gehen. Auch wenn ich die Vergleiche zwischen dem, was in vielen Ländern gerade passiert und Hitlers Ermächtigungsgesetz, als übertrieben und zu weit hergeholt empfinde, verstehe ich wie sie zustande kommen.

Ich wünsche mir gerade unseren kritischen Geist zurück, den viele z.B. letztes Jahr bei der Debatte um die Urheberrechtsreform gezeigt haben. Damals haben wir die Entscheidungen der Politiker hinterfragt, eine Bedrohung unseres Grundrechts der Meinungsfreiheit erkannt und uns dagegen stark gemacht – wieso jetzt nicht?


2. Wieso wird jetzt plötzlich doch auf die Experten gehört?

Das Bemerkenswerte an der ganzen Sache ist ja auch, dass die Einschränkungen, die wir gerade einfach so hinnehmen, nicht mal wirklich von den Leuten stammen, denen wir demokratisch die Entscheidungsfreiheit gegeben haben. Ja, es sind die Politiker, die die Gesetzte verabschieden, aber sie hören hierbei mehr auf die Meinung von Experten als je zuvor. Gefühlt wird das Land gerade von Virologen regiert. Das ist eine außergewöhnliche Situation, aber in meinen Augen eine sehr positive Entwicklung.

Ich hätte mir schon länger gewünscht, dass mal auf diejenigen Gehört wird, die wirklich Ahnung haben. Beispielsweise im Rahmen der Klimapolitik. Jahrelang wurden die Warnungen der Wissenschaft diesbezüglich ignoriert. Klimaschutz in dem Maße, wie er von ihnen empfohlen wird, hätte dem wirtschaftlichen Wachstum nicht gut getan. Doch nun, wo die Gefahr in Form eines Virus auftritt, welches jeden einzelnen von morgen treffen könnte, und dadurch greifbarer ist, ist die Wirtschaft plötzlich nicht mehr Nummer 1? Nun wird plötzlich doch auf die Experten gehört?

Manchmal frage ich, ob wir eigentlich verstehen, dass der Klimawandel mehr Menschen umgebracht hat und umbringen wird, als Covid-19 es jemals tun wird. Gegen den Klimawandel wird es keine Impfung und auch keine Herdenimmunität geben. Auch hier sollte auf die Wissenschaft gehört werden und auch hier sollte die Wirtschaft zweitrangig sein. „Auf einem endlichen Planeten können wir nicht unendlich wachsen“, wie Harald Welzer es mal so schön formuliert hat.

Ich hoffe sehr, dass das die Lehre ist, die wir aus dieser Pandemie ziehen: Es gibt Dinge, die wichtiger sind als der Wachstum und Menschen, die in bestimmten Bereichen einfach mehr Ahnung haben, als Politiker.


3. Wie geht es nach Corona weiter?

Ich habe ja noch immer eine sehr idealistische Sicht auf die gesellschaftlichen Auswirkungen von Corona. Ich habe die Hoffnung, dass die Pandemie der Umwelt gut tut, die soziale Isolation uns Menschen zur Selbstreflektion zwingt, wir unsere Wirtschaft überdenken und die Digitalisierung weiter voranbringen. Das Schlimmste, was wir tun könnten, wäre die Lehren von Corona zu vergessen und weiter zu machen wie bisher.


Bei keiner dieser Fragen bin ich zu einer zufriedenstellenden Antwort gekommen, aber darum geht’s mir auch in erster Linie gar nicht. Ich möchte hiermit dazu aufrufen, reflektierter aus dieser ganzen Coronazeit herauszugehen und würde mich sehr freuen, wenn ihr eure Gedanken in den Kommentaren mit mir teilt 🙂

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