„Luxusprobleme“

„Luxusprobleme“ – wer hat diesen Begriff eigentlich erfunden? Dieser Beitrag ist ein ironisches Danke an diese Person. Danke dafür, dass wir einen Begriff haben, mit dem wir andere Menschen auf empathielose Art und Weise darauf hinweisen können, dass ihre Gefühle keine Berechtigung haben. Danke dafür, dass wir einen Begriff haben, der dazu führt, dass wir uns schlecht fühlen, weil wir uns schlecht fühlen. Und zu guter Letzt danke dafür, dass wir einen Begriff haben, der uns als Individuen und als Gesellschaft dazu ermutigt, Probleme zu ignorieren, anstatt nach Lösungen zu suchen – weil es Wichtigeres gibt, weil das alles eben einfach nur Luxusprobleme sind.

„Dass die deutsche Sprache Frauen benachteiligt, ist ein Luxusproblem – damit beschäftigen sich nur links-grün-versifte Akademikerinnen, alle anderen haben größere Probleme“ ist ein beliebtes Alte-Weiße-Männer-Argument. Mir ist schon klar, dass es Menschen gibt, die nicht die Zeit, die Kraft oder das Bedürfnis haben, sich mit Gendersternchen auseinanderzusetzen. Doch wieso sollte mir das das Recht nehmen, ebendies zu tun? Wieso darf ich mich nicht darüber aufregen, dass Bio-Gemüse viel zu oft in Plastik verpackt ist, nur weil Menschen auf anderen Kontinenten sich meine in Plastik verpackte Paprika wünschen würden? Genauso ärgere ich mich bei jeder Zugfahrt über den Mundnasenschutz, unter dem ich (dramatisch formuliert) das Gefühl habe, zu ersticken. Mir ist total bewusst, dass es Menschen gibt, die diesen im Alltag stundenlang tragen müssen und auch, dass dieses Stück Papier das geringste Problem in dieser Pandemie ist. Und trotzdem möchte ich mir nicht verbieten, mich hin und wieder selbst dafür zu bemitleiden, dass ich im Zug nicht frei atmend die schöne Landschaft genießen kann.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es super wichtig, seine eigenen Probleme in Relation zu setzen. Sich seiner Privilegien bewusst zu sein ist wichtig – bedeutet meiner Meinung nach aber nicht, dass man nicht das Recht hat, sich zu ärgern oder sich für Dinge, die einem persönlich wichtig sind einzusetzen, auch wenn es gesamtgesellschaftlich „wichtigeres“ gibt.

Wer definiert überhaupt, was „wichtig“, „wichtiger“ und „am wichtigsten“ ist? Wer definiert, was „schlimm“, „schlimmer“ und „am schlimmsten“ ist? Diese Unterscheidung kann nicht objektiv getroffen werden, weil es schlichtweg keine Objektivität gibt. Natürlich können wir uns, wenn wir versuchen rational zu denken, darauf einigen, dass bestimmte Dinge wichtiger oder schlimmer sind als andere. Wir sind aber keine Homo Oeconomicus, sondern emotionale Wesen. Mark Zuckerberg sagte mal, „a squirrel dying in your front yard may be more relevant to your interests right now than people dying in Africa“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Ich möchte mit diesem Beitrag einfach nur sagen, dass es okay ist, um ein Eichhörnchen zu trauern – auch, wenn zeitgleich Menschen in Afrika sterben. Und, dass es richtig ist, nach Lösungen zu suchen, wie man das Sterben von Eichhörnchen in Zukunft vermeiden kann – auch, wenn zeitgleich Menschen in Afrika sterben. Wir sollten lernen, dass Probleme individuell sind und, dass sie alle irgendwo berechtigt sind – und dazu am besten den Begriff „Luxusprobleme“ aus unserem Vokabular streichen … ohne dabei aber die eigenen Privilegien und Probleme anderer aus den Augen zu verlieren … oder klingt das zu utopisch?

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